Straflosigkeit produziert Straflosigkeit
Autorenlesung mit dem russischen Exil-Schriftsteller Sergej Lebedew
Straflosigkeit produziert Straflosigkeit: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft von folgenloser Gewalt durchdrungen ist? Dieser Frage geht der russische Exilschriftsteller und Historiker Sergej Lebedew nach. In seinen Texten verwebt er Gegenwart und Geschichte und zeigt, wie die Schrecken der Stalin-Ära bis in das heutige Russland fortwirken. Lebedew bricht das Schweigen über das schwierige Erbe der Sowjetunion und spürt seinen Auswirkungen bis in die Banalität des Alltags nach – teils anhand der eigenen Familiengeschichte, teils auf Grundlage historisch dokumentierter Ereignisse. Damit setzt er der offiziellen russischen Geschichts- und Erinnerungspolitik ein entschiedenes Gegennarrativ entgegen.
Im November kommt der Schriftsteller für zwei Lesungen nach Hessen. In Gießen liest er aus dem Essay „Straflosigkeit produziert Straflosigkeit“. Am folgenden Tag stellt er am Herder-Institut in Marburg seinen Roman „Die Beschützerin“ vor. Darin verbindet Lebedew den deutschen und sowjetischen Terror des Zweiten Weltkriegs mit den Umbrüchen nach dem Zerfall der Sowjetunion und schließlich mit Russlands Angriff auf die Ukraine.
Sprachmächtig, atmosphärisch und mit feinem Gespür für die menschliche Psyche legt Lebedew die tiefe Verankerung imperialer Vorstellungen in der russischen Kultur und Geschichte offen. Er erzählt von vergifteten Traditionen und Denkmustern, die sich über Generationen hinweg in vermeintlichen Selbstverständlichkeiten fortschreiben.
In seinem Essay „Straflosigkeit produziert Straflosigkeit“ verbindet Lebedew die dörfliche Idylle der 1990er-Jahre mit den Schrecken des stalinistischen Terrors. Ein Seil wird dabei zum Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und zum Sinnbild dafür, wie folgenlose Verbrechen ein schweres, kaum ausschlagbares Erbe hinterlassen. Der Titel ist Programm: Wo Gewalt ohne Konsequenzen bleibt, schafft sie die Voraussetzungen für neue Gewalt.
Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und lebt seit 2018 in Potsdam. Er gilt als eine der profilierten Stimmen der jüngeren russischen Literatur. In seinen literarischen und publizistischen Arbeiten setzt er sich immer wieder mit Geschichte, Erinnerung und politischer Gewalt auseinander. Zudem engagiert er sich öffentlich für die russische Literatur und Zivilgesellschaft. Als Herausgeber der Anthologie „Nein“ versammelte er Stimmen russischer Künstlerinnen, Künstler und Intellektueller gegen den Krieg. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und für nationale wie internationale Literaturpreise nominiert. Zuletzt wurde er mit dem Prix Montluc Résistance et Liberté und dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet.
Moderiert wird der Abend von Filip Schuffert (Sprecher der Jungen DGO). Anschließend findet eine Diskussion statt.