Offener Brief: Aufruf gegen den Umbau der Hochschulen in Georgien

13.01.2026

Der georgische Premierminister Irakli Kobachidse hat im Oktober 2025 ein Konzept für einen radikalen Umbau des Hochschulsystems vorgelegt. Ziel ist es, die Universitäten vollständig unter staatliche Kontrolle zu bringen und Georgien vom europäischen Hochschulsystem abzukoppeln. Das Land treibt damit in die akademische und bildungspolitische Isolation.

Georgien hat in den letzten zwei Jahrzehnten moderne Universitäten geschaffen und diese in den europäischen Hochschulraum integriert. Georgien nahm bisher am Bologna Prozess teil und förderte auf diese Weise die Mobilität, internationale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit der georgischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Die Internationalisierung der georgischen Hochschulen hat zu einer Verbesserung der Qualität von Hochschulbildung in internationalen Rankings und zu einer umfassenden Vernetzung mit Hochschulen in Europa, darunter gerade auch in Deutschland, geführt.

Der geplante Umbau bedeutet das Ende der Hochschulautonomie in Georgien. Zentrale Fakultäten mehrerer Hochschulen in der Hauptstadt Tbilisi sollen aus ihrem gewachsenen Umfeld gerissen und in kleinere Städte verlegt werden. Was als Effizienzgewinn beschönigt wird, dient der Kontrolle von Lehrenden und Studierenden. Die Pläne widersprechen dem Geist freier universitärer Forschung und Bildung. Ihre Umsetzung wird einen irreparablen Schaden für die georgische Hochschullandschaft zur Folge haben.

Deutschland ist traditionell ein enger Partner der georgischen Hochschulen. Einige der zahlreichen Hochschulpartnerschaften bestehen seit mehr als 100 Jahren. Die geplante Umstrukturierung wird über Jahrzehnte gewachsene Partnerschaften zerstören.

Die Pläne stehen im Zusammenhang mit einer autoritären Wende, die Georgien seit drei Jahren vollzieht. Die Regierung betreibt eine systematische Zerstörung der organisierten Zivilgesellschaft und der unabhängigen Medien. Ihre Arbeit wird blockiert, ihre internationale Finanzierung kriminalisiert.

Der geplante Umbau des Hochschulwesens ist ein weiterer Schritt in diesem Prozess. Die georgische Regierung geht systematisch gegen Hochschulen vor, denn diese sind Orte unabhängigen Denkens und des Widerstandes gegen eine autoritäre Regierungsführung und gegen eine Abkopplung Georgiens von den europäischen Gesellschaften.

Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde erklärt sich solidarisch mit den georgischen Kolleginnen und Kollegen, die für eine unabhängige Wissenschaft und eine freie Lehre stehen, die den europäischen Forschungs- und Bildungsraum kennzeichnen.

Wir fordern die Bundesregierung auf, der georgischen Regierung die Folgen der akademischen und bildungspolitischen Selbstisolierung deutlich zu machen. Georgien ist ein geschätzter europäischer Bildungsstandort und Partner in der internationalen Forschungskooperation. Es ist im Interesse des Landes und der europäischen Wissenschaftsgemeinschaft, die Wissenschaftsfreiheit und internationale Zusammenarbeit der georgischen Hochschulen weiterhin zu gewährleisten.