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Fachtagung

Economic Inequality in Eastern Europe
and Its Consequences for Social, Political and Economic Development

Fachtagung Wirtschaft

Online-Veranstaltung

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On their way from planned to market economies, Eastern European societies experienced a substantial growth of economic inequality. Today, some of the most unequal societies in the world are in Eastern Europe, with only a small fraction of the population controlling most of the assets. Economic inequality became one of the major political challenges Eastern European countries face, jeopardising their stability and social cohesion. The conference assembles experts from different fields (economics, sociology and political science), both from academia and from politics, who look at different aspects of inequality in Eastern Europe and its political, social and economic consequences. Topics covered by the conference include evolution of inequality in post-Socialism; inequality and education; inequality and gender; regional inequality; and inequality and political populism.

Die Tagung wird organisiert von Janis KLUGE (Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin), Alexander LIBMAN (Freie Universität Berlin) und Olga POPVA (Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg).

Details zur Tagung entnehmen Sie bitte dem Programm. Die Konferenzsprache ist Englisch (ohne Verdolmetschung).

Veranstaltungsprogramm (PDF, 432 kB)

Veranstaltungsbericht

Bericht: Janis Kluge, Alexander Libman, Olga Popova

Die diesjährige Tagung der DGO-Fachgruppe Wirtschaft, die aufgrund der Corona-bedingten Einschränkung ausschließlich online stattfand, war dem Thema „Ungleichheit in Osteuropa“ gewidmet. Zum Auftakt der Veranstaltung diskutierten Elisabeth SCHIMPFÖSSL (Aston University) und Christopher HARTWELL (Bourenmouth University) mit Benedikt ZANKER (Auswärtiges Amt) über Vermögens- und Einkommensungleichheit in der Region und ihre Auswirkung auf die Stabilität von politischen Systemen. Moderiert von Julia LANGBEIN (Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien) und vor einem gut gefüllten virtuellen Raum verglich das Podium die Folgen von Ungleichheit für verschiedene Staaten. Warum scheint Ungleichheit die Stabilität autokratischer politischer Systeme weniger zu gefährden als die von Demokratien? Die Vorstellung, dass die Ungleichheit ein zentraler Faktor ist, der zu einer Destabilisierung der politischen Regime führt, wurde durchaus kontrovers diskutiert. Viele undemokratische Entwicklungen, mit denen man heute in Osteuropa und dem postsowjetischen Eurasien konfrontiert ist, sind offenbar nicht auf hohe wirtschaftliche Ungleichheit zurückzuführen. Ein gewisses Niveau der Ungleichheit ist natürlich und von einer Marktwirtschaft nicht wegzudenken. Die Teilnehmenden beschäftigten sich daher mit den Bedingungen, unter denen die Ungleichheit tatsächlich eine destabilisierende Wirkung hat, mit der Rolle der Wahrnehmung der Ungleichheit und mit möglichen Politikoptionen, die in Bezug auf die Ungleichheitsproblematik zur Verfügung stehen.

In vier Panels wurden danach Entwürfe von Fachartikeln diskutiert. Daran nahmen rund 20 internationale Forscherinnen und Forscher teil, die aus den verschiedensten Teilen Europas und Eurasiens zugeschaltet waren.

Das erste Panel beschäftigte sich mit der Entwicklung der Ungleichheit in Russland, insbesondere seit dem Anfang der Wirtschaftstransformation. Dabei standen unterschiedliche Aspekte der Ungleichheit im Vordergrund der Diskussion: die Einkommens- und Konsumungleichheit, die Bildungsungleichheit, sowie die Einkommensungleichheit zwischen unterschiedlichen Regionen. Die Vortragenden führten verschiedene Maße der Ungleichheit ein, die sowohl aus Befragungsdaten (insbesondere Russian Longitudinal Household Survey, aber auch andere Datensätze) als auch aus den aggregierten Daten auf regionaler Ebene abgeleitet werden können. Die von den Teilnehmenden präsentierten Untersuchungen dokumentieren etwa den Rückgang der Konsumungleichheit im Laufe der Zeit, die durch den Anstieg des Konsums der ärmeren Bevölkerungsgruppen und die Reduktion des Konsums der Reicheren zu erklären ist. Auf Ebene der Regionen wurden die „Convergence Clubs“ identifiziert, sowie Regionen, deren Pro-Kopf-Einkommen nicht mit dem russischen Durchschnitt konvergiert. Ebenso wurde die Veränderung der Bildungsmobilität in Russland seit dem Zweiten Weltkrieg für unterschiedliche Kohorten systematisch untersucht.

Das zweite Panel war Ostmitteleuropa gewidmet und setzte einen Schwerpunkt bei der Entwicklung der Einkommens-Ungleichheit in Polen. Die Vorträge zeigten, dass die Einkommen sich in Polen deutlich ungleicher entwickelt haben als gemeinhin angenommen wird. Die meist als Grundlage genommenen Befragungen führen demnach zu systematischen Verzerrungen, die das Problem der Ungleichheit verharmlosen. Anhand von Steuerdaten lässt sich im Gegensatz dazu feststellen, dass Polen in seiner Transformation zum Kapitalismus zu einer der ökonomisch ungleichsten Gesellschaften Europas geworden ist, was die gängige Annahme vom „post-kommunistischen Musterland“ infrage stellt. Auch mögliche Verbindungen zum „backsliding“ der polnischen Demokratie wurden diskutiert. Insgesamt führt die höhere Einkommensungleichheit in Ostmittel- und Südosteuropa auch zu einer höheren individuellen Schuldenaufnahme. Der dritte Vortrag zeigte, dass dies aber vor allem für die höheren Einkommensgruppen gilt und machte Sozialdruck für den Wunsch verantwortlich, mit dem Haus, Auto etc. des Nachbarn mithalten zu können. Menschen aus den niedrigeren Einkommensgruppen haben bei höherer Ungleichheit eher Schwierigkeiten, einen Kredit zu bekommen.

Eine weitere wichtige Dimension von Ungleichheit betrifft Gender- und Bildungsfragen. Frauen sowie weniger gebildete Menschen werden häufig auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, was Langzeitfolgen für die wirtschaftliche Entwicklung hat. Das dritte Panel beleuchtete diese Fragen im Hinblick auf EU- und post-kommunistische Staaten. Die erste Präsentation zeigte dass russische Frauen nach der Geburt eines Kindes geringere Einkünfte haben und ihr Arbeitsangebot schrumpft. Aufgrund traditioneller Geschlechterrollen ist das „Pay Gap“ zwischen Müttern und Vätern hartnäckig und lässt sich bis zu fünf Jahre nach der Geburt des Kindes beobachten. Der zweite Vortrag setzte die Diskussion zur Geschlechtergerechtigkeit fort und legte den Fokus auf die Spätfolgen des Kommunismus und seine Rolle in der Förderung weiblicher Emanzipation. Während die Bedingungen im Bereich von Bildung, Beschäftigung und politischer Aktivität für Männer und Frauen in post-kommunistischen Staaten formal gleich sind, sind häusliche Gewalt und die Belästigung von Frauen sowie ein „Pay Gap“ hier besonders ausgeprägt. Die letzte Präsentation beschäftigte sich mit dem Unterschied von Chancen in der Bildung. Die Effekte von unterschiedlicher Bildungspolitik auf die Chancenungleichheit wurden diskutiert und die Unterschiede der Alterskohorten in Europa verdeutlicht. Alle Panelisten betonten, dass gut gestaltete Institutionen und Politiken einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Gender-Ungleichheit und Bildungsungleichheit leisten können.

Das letzte Panel erweiterte den geographischen und den inhaltlichen Rahmen der Konferenz, in dem weitere Aspekte der Ungleichheit in Betracht gezogen wurden. Aus der räumlichen Perspektive wurden die Entwicklungen in Zentralasien diskutiert: Konkret ging es um den Einfluss von Community Driven Development als Entwicklungspolicy auf die soziale Kohäsion in Kirgisistan. Dem weit benutzten Entwicklungstool wurde nur ein begrenzter Erfolg attestiert. Aus der inhaltlichen Perspektive wurden zwei Themen eingeführt, die gerade in der heutigen Debatte eine zentrale Rolle spielen: politische Konsequenzen der Ungleichheit und der Einfluss der Ungleichheit auf die öffentliche Gesundheit. Dabei wurde konkret gezeigt, dass die subjektive Wahrnehmung der sozialen Mobilität (und nicht nur die objektive soziale Mobilität) ein entscheidender Faktor für die soziale Ungleichheit ist. Aus der politischen Sicht wurde deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Unsicherheit und dem Wahlverhalten gibt – die Individuen, die sich eher in einer unsicheren Lage finden, neigen dazu, populistische Parteien zu wählen; die Effekte hängen aber zum Teil von dem Vertrauen in das politische System ab.