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Fachtagung

Anti-Genderism in Central and Eastern Europe –
A Question of Religion?

Fachtagung Religion

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In churches and religious communities, the issue of gender frequently is debated, as it seems to question anthropological givens. While in the areas of law, psychology, and medicine the concept of gender is becoming increasingly acknowledged, a religiously based anti-genderism has become a kind of „symbolic glue“ for conservative and right-wing populistic movements.

In Central and Eastern Europe, the discourse about gender is invariably connected with an anti-Western rhetoric. Russia has positioned itself in the last decade as a global defender of so-called „traditional values“. Survey show that many post-socialist, mainly Orthodox countries support this role for Russia, even when they distance themselves politically from the country (Pew 2017). The sluggish implementation of European rules against domestic violence and discrimination of LGBTI people in East European countries is frequently connected with a conservative Orthodox or Catholic tradition.

This year’s conference of the “Religion Section” within the DGO (German Association for East European Studies) will address the role of religions in the struggle against gender in a differentiated and analytical way. Besides clarifications of the concept of gender in religious contexts, questions of specific historical legacies and of religious and societal practice will be discussed.

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Conference Programme (PDF, 198 kB)

Veranstaltungsbericht

Bericht: Regina Elsner

Die diesjährige Tagung der DGO-Fachgruppe Religion widmete sich dem Zusammenhang von Religion und anti-Gender Bewegungen in Osteuropa. Anti-Genderismus hat als „symbolic glue“ (Kovats/Poim 2015) aus populistischen und konservativen Strömungen in den vergangenen Jahren eine besondere Dynamik entwickelt und bereits eine intensive internationale wissenschaftliche Diskussion angeregt. Dabei wird Religionen häufig eine entscheidende Rolle bei der Legitimation gender-kritischer Positionen und bei der Mobilisierung von großen Bevölkerungsgruppen zugeschrieben. Für Osteuropa erhält dieser Zusammenhang von Religion und Anti-Genderismus bisher weniger Aufmerksamkeit, erste ausführlichere Analysen wie der kürzlich erschienene Sammelband von Sonja Strube et al. („Anti-Genderismus in Europa.“ Bielefeld: Transcript-Verlag 2021) konzentrieren sich hauptsächlich auf die Länder der EU und den katholischen Kontext, der etwa für Ungarn und Polen entscheidend ist. Die Tagung der Fachgruppe Religion setzte sich zum Ziel, diese Studien durch Expertisen zu weiteren Fallstudien zu ergänzen und dabei besonders die Diskurse innerhalb der Religionsgemeinschaften und die sozialen Praktiken in gender-bezogenen Themen in den Blick zu nehmen.

Das erste Panel thematisierte historische Entwicklungen, die für das Verständnis für aktuelle Zusammenhänge eine wichtige Rolle spielen. Nadezhda BELJAKOVA und Natalia SHOK (beide Moskau) stellten die Einbindung bioethischer Fragen in die verschiedenen Etappen der Beziehung zwischen sowjetischem bzw. russischem Staat und der russischen Orthodoxie dar. Die aktuell vorrangige Auseinandersetzung um die „culture wars“ ist dabei eine paradoxe Fortsetzung der kirchlichen Strategie, sich als festen Bestandteil der politischen Diskurse zu etablieren. Beljakova und Shok lenkten die Aufmerksamkeit besonders auf die Bedeutung von einzelnen charismatischen und gut vernetzten Personen für den Diskurs sowie von sozialen Medien, in denen strategisch bestimmte Positionen unsichtbar bzw. besonders sichtbar gemacht werden. Johannes KLEINMANN (Frankfurt/Oder) analysierte die historischen Vorläufer polnischer anti-Gender Positionierungen im 20. Jahrhundert. Dabei sieht er die besondere Charakterisierung der polnischen Frau als Mutter durch die Kriegszeiten hindurch als prägende Rollenkonstruktion für die aktuellen Diskurse. Anca ȘINCAN (Tîrgu-Mureș/Cork) lenkte die Aufmerksamkeit auf die Dynamik von Rollenmodellen orthodoxer Frauen in den rumänischen Untergrundgemeinden. Sie stützte sich dabei auf ausführliche Archivforschung, die zeigt, wie Frauen in der Situation staatlicher anti-religiöser Repressionen in den Kirchen Rollen übernahmen, die ihnen aus kirchlicher Sicht zunächst nicht zustanden. Allerdings erfolgte diese Rollenübernahme nicht aus emanzipatorischen Motiven, sondern ausschließlich als Dienst zur Sicherung des Überlebens der Kirche. Das begründet auch das Verschwinden entsprechender Rollenaufweichungen nach dem Ende der Kirchenverfolgung, so dass in der rumänischen Orthodoxie die Rollenaufteilungen trotz historischer Unterbrechungen streng normiert blieben.

Das zweite Panel konzentrierte sich auf die aktuellen polnischen Auseinandersetzungen um die Einschränkungen von Gender-Gerechtigkeit und die Rolle der katholischen Kirche. Dabei lieferte Anja HENNIG (Frankfurt/Oder) einen konzeptionellen Beitrag zum Zusammenspiel von illiberalen Akteuren der Zivilgesellschaft bei der Formierung der anti-Gender Agenda. Hennig zeigte, wie die katholische Kirche anderen Akteuren der anti-Gender Agenda Nachhaltigkeit verlieh. Gemeinsame Themen dieser verschiedenen Akteure seien eine Verteidigungshaltung zum Schutz der natürlichen Ordnung und einer homogenen Gesellschaft. Größere Aufmerksamkeit verdiene die Nutzung liberaler Instrumente wie der Rechtsprechung für illiberale Zwecke. Nadine NAWA (Münster) und Rebekka PFLUG (Frankfurt/Oder) analysierten aus verschiedenen Perspektiven die innerkatholischen Bewegungen, die von einer klaren Unterstützung des anti-Genderismus bis zu einer Kritik diskriminierender Praktiken in der Kirche und einer religiösen Legitimation des politischen anti-Gender Diskurses reichen. Nawa untersucht in ihrer Forschung Bewegungen innerhalb der polnischen katholischen Kirche, die sich für Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche einsetzen. Sie kommt zu dem Schluss, dass diese Bewegungen bisher keine große Reichweite zeigen, allerdings dennoch einen wichtigen Faktor der Diversifizierung der Kirche darstellen. Pflug zeigte, dass auch das zivilgesellschaftliche Engagement gegen die Einschränkungen von reproduktiven Frauenrechten von katholischen Frauen unterstützt wird. Diese verfügen jedoch innerhalb der Kirche über keinerlei Unterstützung.

Beim Roundtable „Anti-Genderism in Eastern Europe“ diskutierten mit Vladimir SHMALIJ (Moskau), Elzbieta ADAMIAK (Koblenz-Landau) und Sonja STRUBE (Osnabrück) drei Theolog*innen über die Schwierigkeiten, die sich für die Kirchen aus ihrer Teilnahme an anti-Gender Diskursen ergeben. Vladimir Shmalij berichtete über die Situation in Russland, wo die Gender-Thematik innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche vor allem im Kontext der „traditionellen Werte“ diskutiert wird. Allerdings, so Shmalij, gibt es in der Orthodoxen Kirche insgesamt kein theologisches Lehramt, welches eine fixe Position zu gegenwärtigen ethischen oder gesellschaftspolitischen Fragen formulieren würde. Eine dogmatische Antwort auf Gender-Fragen existiere nicht, und die kirchlichen Äußerungen hängen fundamental von dem gesellschaftspolitischen Kontext der jeweiligen Kirchen ab. Elzbieta Adamiak skizzierte das Zusammenspiel von kirchlicher und politischer Agenda in den aktuellen Auseinandersetzungen um Geschlechtergerechtigkeit und LGBTI*-Rechte in Polen. Sie sieht den polnischen anti-Gender-Diskurs eindeutig von religiösen Positionen beeinflusst, besonders durch die offizielle Haltung der polnischen Bischöfe, die Gender als direkte Infragestellung des katholischen Konzepts von Familie darstellen. Gender würde als Ergebnis von Marxismus, Feminismus und sexueller Revolution markiert und damit als Begriff an sich für den polnischen Diskurs diskreditiert. Adamiak zeigte aber auch Bewegungen innerhalb der polnischen katholischen Kirche auf, die eine Brechung dieser Polarisierung durch kreative Aktionen anstreben. Sonja Strube stellte die Netzwerke und Zusammenhänge zwischen religiösen und rechten Gruppierungen in der Formierung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit am Beispiel von Deutschland dar. Unter den drei größeren Gruppen, die den anti-Genderismus in der öffentlichen Diskussion vorantreiben, befindet sich nur eine Gruppe, die klar religiös zugeordnet werden könne – die neue christliche Rechte. Religiöse Argumente prägen allerdings nicht nur in dieser Gruppierung die gegen Geschlechtergerechtigkeit gerichtete Strategie. Strube zeigte eindrucksvoll, wie das rechte Milieu schrittweise die religiösen Strukturen vereinnahmte und Allianzen bildete, um die eigene Legitimität und Reichweite zu erhöhen. Obwohl sich die Kirchenleitungen in Deutschland von diesen rechten Gruppierungen distanzieren, wird durch das sogenannte Astroturfing – also die Herstellung großer Präsenz in sozialen Medien durch nur wenige Akteure – der Eindruck vermittelt, diese religiöse anti-Gender Bewegung sei ein Massenphänomen aus der Mitte der christlichen Kirchen.

Das dritte Panel analysierte mit drei Fallstudien, wie religiöse Akteure an der Herausbildung von Gender-Rollen beteiligt sind und damit die anti-Gender Diskurse indirekt prägen. Yulia ANDREEVA (St. Petersburg) gab einen Einblick in die Rollenkonzepte der Vedischen Religion. Sie zeigte, wie diese New Age Bewegung Weiblichkeit und Naturverbundenheit kombiniert, allerdings in dieser Verwurzelung zutiefst stereotype Rollenbilder stärkt, die indirekt auch dem politischen Mainstream entsprechen. Tobias KÖLLNER (Witten-Herdecke) analysierte die Konstruktion von Rollenmodellen in Russland durch verschiedene Phasen der russischen Geschichte hin zu den aktuellen Gender-Stereotypen und der Unterordnung von individuellen Identitäten unter die Werte von Familie und Demografie. Er zeigt, wie orthodoxe Motive zunehmend diese Rollen-Stereotypisierung prägen und verstärken. Adela MUCHOVA (Linz) präsentierte die Rolle der katholischen Kirche in der Tschechischen Republik in den aktuellen Debatten um die Ratifizierung der Istanbul-Konvention. Mit einer Analyse der Debatten in den Medien konnte sie zeigen, wie die Fronten zwischen den pro- und contra-Positionen in Bezug auf die Istanbul-Konvention klar zwischen Laien und Kirchenleitung/Bischöfen verlief und beide Seiten auf unterschiedlichen Ebenen argumentierten. Die Debatte führte so zu einer stärkeren Fragmentierung der kirchlichen Schichten.

Im abschließenden Panel diskutierten Andreea OPRESCU (Barcelona), Kristine MARGVELASHVILI (Tblisi) und Kristina STÖCKL (Innsbruck) die unterschiedlichen Verknüpfungen von kirchlichen Strategien mit politischen Bewegungen in verschiedenen Ländern. Oprescu beschrieb den großen Einfluss der Rumänischen Orthodoxen Kirche auf die politischen Diskurse über Frauenrechte und Gender-Rollen. Margvelashvili analysierte in einer vergleichenden Analyse die Situationen in Griechenland, der Ukraine und Georgien. Der Vergleich zeigt, dass in Ländern mit nationalen orthodoxen Kirchen sich diese aktiv an der Verteidigung der eigenen Identität gegen das verunsichernde Eindringen anderer Werte beteiligen, etwa in der Mobilisierung gegen die Implementierung von EU-Normen zu Gender-Gleichstellung und häuslicher Gewalt. Kristina Stöckl erläuterte am Beispiel der Homeschooling-Bewegung in Russland die Vernetzung russischer konservativer Akteure mit evangelikalen US-amerikanischen Gruppierungen zur Verbreitung konservativer Familienwerte. An diesem Beispiel wird die Vereinnahmung liberaler Rechtsvorstellungen durch illiberale Rhetorik und Strategien besonders deutlich.

Eine Antwort auf die Titelfrage – anti-Genderismus als eine Frage der Religion -, wurde während der Tagung nicht eindeutig gegeben. Allerdings wurde in allen Beiträgen und Diskussionen deutlich, dass Religion in den konservativen und rechten Diskursen in Osteuropa, Ostmitteleuropa und auch Deutschland eine wichtige Rolle bei der Legitimierung rechter und menschenfeindlicher Rhetorik sowie bei der Mobilisierung größerer Bevölkerungsgruppen für diese Ideen spielt. Besonders wichtig waren daher auch die Beiträge, die die Vielfalt binnenkirchlicher Diskurse zu den Themen aufzeigen und damit eine vereinfachende Sicht auf religiöse Akteure hinterfragen. Die Theologie ist damit aufgefordert, sich den Fragen von Gender sowie individuellen und kollektiven Identitäten intensiver zu widmen, um den Diskurs innerhalb und außerhalb der eigenen Kirche zu bereichern. Darüber hinaus zeigten sich Forschungsdesiderate sowohl in konzeptuellen Fragen nach den Kategorien der liberalen und illiberalen Gesellschaft als auch nach internen und externen Vernetzungen. Obwohl das Thema anti-Genderismus seit einigen Jahren größere interdisziplinäre Aufmerksamkeit erfahren hat, bleiben entscheidende Fragen nach Netzwerken, Strategien und nach den Gründen für die explosive Bedeutung von Gender für die konservativen Diskurse nach wie vor offen. Die Fachtagung hat durch ihre äußerst interdisziplinäre Zusammensetzung wichtige Aspekte dieses Forschungsfelds zusammengetragen.