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Energy transition, Sustainability and Inclusive Development in Central Asia

Conference

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Europe and Central Asia are linked by decades of commodity trade but also evolving climate cooperation. Nevertheless, Central Asia plays only a minor role in the German public debate on global climate protection and renewable energies. The global as well as the local energy transition pose major challenges for the region in view of a rapidly growing population, already existing energy shortages, heavy dependence on fossil fuels and climate change.

On two panels, we will discuss with experts – academics and practitioners – from Kazakhstan, Kyrgyzstan, Uzbekistan, and Germany the energy transition, sustainability, and inclusive development in these countries. The guiding questions are how the energy transition can succeed and to what extent it can also promote economic development and human well-being.

The conference concludes a ten-day study tour visiting different Living Lab projects related to the energy transition in Germany. Living Labs are an innovative and accepted research method in which scientists and practitioners develop solutions for energy transition, sustainability, and social inclusion. The trip was organized by the SPCE Hub and ISoG BW and funded by a grant from the German Academic Exchange Service (DAAD).

Veranstaltungsprogramm (PDF, 682 kB)

Veranstaltungsbericht

Bericht: Sebastian Schiek (SPCE Hub)

Zentralasien und Europa verbindet eine Geschichte des jahrzehntelangen Ölhandels, der bis zu 70 Prozent des interregionalen Handelsvolumens generiert. Die europäische und globale Energiewende wird nicht nur diese Handelsbeziehungen verändern, sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf die lokalen Ökonomien. Kasachstan und Turkmenistan sind sogenannte Rentierstaaten, deren Volkswirtschaften primär auf dem Export von Ressourcen basieren. Für diese zwei Staaten stellt sich ganz besonders die Frage, wie der Übergang in eine post-fossile Wirtschaft gelingen kann und womit die Staaten dann Wohlstand generieren. Für alle Staaten Zentralasiens stellt sich die Frage, ob und wie die lokale Energiewende als Chance genutzt werden kann, wirtschaftliche und menschliche Entwicklung und Umweltschutz zu fördern. So basiert die Wärmeerzeugung derzeit in allen Ländern auf Kohleverfeuerung mit erheblichen negativen Auswirkungen auf Gesundheit und die lokale Umwelt. Diese Fragen wurden auf einer Konferenz am 20.6. im Berlin Global Village diskutiert. Die Veranstaltung wurde initiiert und durchgeführt von dem vor zwei Jahren gegründeten Research Facilitator SPCE Hub, der Universitäten und Praktiker*innen eine Plattform für die Umsetzung experimenteller, transferorientierter Forschungsprojekte im Bereich Energiewende und Nachhaltigkeit anbietet. Partner der durch den DAAD kofinanzierten Veranstaltung waren die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) sowie die Intersectoral School of Governance BW (ISoG BW).

Energiewende und Entwicklung finden nicht in einem politischen Vakuum statt sondern sind eng mit innen- und außenpolitischen Dynamiken verwoben. Einer Einführung in diese Dynamiken widmeten sich zu Beginn der Veranstaltung Dr. Beate Eschment (ZOiS) im Gespräch mit Dr Aijan Sharshenova vom kirgisischen Think Tank Crossroads Central Asia. Zentralasien erlebt zur Zeit Umbrüche auf verschiedenen Ebenen. Innenpolitisch ist die derzeitige Phase durch die Veränderungen an der Spitze der Staaten gekennzeichnet – mit neuen Präsidenten in Usbekistan (2016), Kasachstan (2019), Kirgistan (2020) und Turkmenistan (2022). Mit den Personalwechseln an der Spitze gingen unterschiedlich starke Politikwechsel einher. Während Usbekistans Mirziyoyev mit seiner wirtschaftlichen Öffnung und Modernisierung und Kasachstans Tokayev mit neuen Akzenten im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik international Erwartungen geweckt haben, gibt es in der Region auch Tendenzen des Populismus und der Retraditionalisierung, wie z.B. unter Kirgistans Präsidenten Japarov. Politischer Protest und Repression bleiben in der Region akut.

Die russische Invasion in der Ukraine stellt Zentralasien vor große Herausforderungen, aber auch Chancen. Zentralasien steht immer häufiger im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Russland hat seine Zusammenarbeit mit der Region verstärkt, um die durch die westlichen Sanktionen verursachten Verluste zu kompensieren. Auch europäische und nordamerikanische Länder haben ihr Augenmerk auf die Region gerichtet. Kürzlich empfing China alle fünf zentralasiatischen Präsidenten in Xian, wo neue Möglichkeiten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit diskutiert wurden. Es gibt Anzeichen für eine verstärkte Zusammenarbeit von Ländern wie Indien, Pakistan, dem Iran und der Türkei mit der Region. Zentralasien hat nun eine größere Auswahl an externen Partnerschaften, wovon die Region längerfristig profitieren dürfte.

Auch europäische und nordamerikanische Länder haben ihr Augenmerk auf die Region gerichtet. Christina WEGELEIN, Leiterin des Referats „Geopolitik des Klimawandels , Klima und Sicherheit, Wasserdiplomatie“ des Auswärtigen Amtes berichtete im folgenden Podiumsgespräch über die deutsche und europäische Zusammenarbeit mit Zentralasien. Der Besuch von Außenministerin Annalena Baerbock 2022 sowie von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2023 in der Region unterstreichen die Bedeutung, die die deutsche Außenpolitik Zentralasien beimisst. Die deutsch-zentralasiatische Zusammenarbeit im Bereich Wasser reicht bereits viele Jahre zurück. Die Themen Klimaanpassung und Energiewende spielen zunehmend eine Rolle, u.a. in Programmen wie ‚Green Central Asia‘ des Auswärtigen Amtes, den Programmen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie der Energiepartnerschaft mit Kasachstan des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klima (BMWK). Auch das Bundesministerium für Umwelt und Reaktorsicherheit (BMU) arbeitet mit Partnern in Zentralasien zusammen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Forschungskooperation zu ‚grünen‘ Themen.

Mit der Energiewende in Zentralasien beschäftigte sich die darauf folgende, von Beril OCAKLI (ZOiS) moderierte Podiumsdiskussion. Warum sollte sich Zentralasien überhaupt mit der Energiewende beschäftigten? Bahtiyor ESHCHANOV, Energieökonom aus Taschkent, betonte dass sich Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan dem Pariser Klimaabkommen angeschlossen haben und sich zur Reduktion von Treibhausgasen verpflichtet haben. Kasachstan und Usbekistan investieren in diesem Sinne bereits beträchtliche Summen in Solar- und Windparks. Eshchanov betonte aber, dass die eigentliche Motivation der Länder für die Energiewende sich vor allem aus innenpolitischen Erwägungen speisen sollte: Trotz der vorhandenen fossilen Bodenschätze leiden die Staaten in unterschiedlichem Ausmaß und abhängig von Geographie und Saison bereist heute unter einem Strommangel, der sich in der Zukunft noch verschärfen dürfte. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass sich jedes Land für die Energieproduktion auf einen dominanten Energieträger verlässt, wie z.B. Öl in Kasachstan, Gas in Usbekistan und Wasser in Kirgistan. Das birgt Risiken in sich, wobei die Zeithorizonte unterschiedlich sind. Während Kasachstans Ölvorkommen noch lange nicht ausgeschöpft sind, droht Usbekistan ein baldiges Versiegen seiner Gasquellen schon innerhalb zweier Dekaden. Vor allem sollte sich Zentralasien aber schon jetzt überlegen, wie es sich in zukünftige net-0 Wertschöpfungsketten integrieren kann. Den letzten Punkt bestätige auch Yana ZABANOVA vom Research Institute for Sustainability in Potsdam (RIFS). Russlands Krieg gegen die Ukraine beschleunigt nach ihrer Ansicht die europäische und globale Energiewende. Seinen Platz in einer dekarbonisierten Weltwirtschaft zu finden wird für Zentralasien zur existenziellen Herausforderung. Die Kosten für die Transition dürften dabei hoch sein, den Trend zu verschlafen und auf ‚stranded assets’ sitzen zu bleiben, wäre aber deutlich teurer. Neben den Kosten gibt es weitere, beträchtliche Herausforderungen für die Energiewende, die laut Eshchanov vor allem in einem Mangel an Fachkräften, geringen Kapazitäten im Bereich Forschung und Verwaltung sowie einer nur geringen Aktivierung und Einbindung der Zivilgesellschaft liegen. Alex KOBZEV von der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) unterstrich dieses Argument. Studiengänge für erneuerbare Energien existieren zwar bereits, darunter auch an der DKU. Um den zukünftigen Bedarf an Fachkräften zu decken, sieht er ein hohes Potenzial in der regionalen Zusammenarbeit bei der Hochschulpolitik.

Welche Chancen ergeben sich also für die Zukunft? Zabanova verwies darauf, dass das große und bislang ungenutzte Potenzial im Bereich erneuerbare Energien die Region auch für die Produktion von grünem Wasserstoff prädestiniert. Dem bestehenden Interesse der Regierungen an dem Thema stehen allerdings das Fehlen einer Infrastruktur und einer einheimischen Nachfrage nach Wasserstoff im Wege. Eine einseitige Konzentration auf den Wasserstoff-Export wäre ohnehin nachteilig, vielmehr sollten die Länder die Integration in klimaneutrale Wertschöpfungsketten anstreben, beispielsweise durch den Aufbau lokaler Kapazitäten für die Produktion von grünem Stahl, grünem Dünger, der Herstellung technischer Elemente von Solar- oder Windkraftanlagen oder anderer grüner Produkte, die vom Weltmarkt nachgefragt werden. Eshchanov stimmte dem zu und forderte vor allem eine breitere Debatte zum Thema klimaneutrale Wertschöpfung in den Ländern.

Ainur SOSPANOVA, Vorstandsvorsitzende von Qazaq Green, dem führenden Verband für erneuerbare Energie in Kasachstan, betonte, dass die Länder international lernen können, aber auch schon auf eigene Erfolge zurückblicken können und voneinander lernen sollten. Kasachstan ist hier mit der frühen Einführung des Emissionshandels sowie der Investition in Erneuerbare ein Vorreiter in Zentralasien. Regionaler genauso wie internationaler Kooperation kommt für eine erfolgreiche Energiewende ihrer Meinung nach eine Schlüsselrolle zu.

Eine erfolgreiche Energiewende und inklusive Entwicklung erfordert die Einbindung relevanter Stakeholder. Damit beschäftigte sich das zweite Panel mit Bezug auf Forschung sowie Umwelt- und Bildungsprojekte. Ainur SAGYN ist Gründerin des kirgisischen Sozialunternehmens Tazar. Gemeinsam mit Dorfbewohner*innen, die sie u.a. über die lokale Moschee erreichte, errichtete sie ein community center, in dem Plastikmüll gegen beliebte Produkte des täglichen Lebens eingetauscht werden können. Nadira RAKHIMOVA von der usbekischen NGO Tech4Impact berichtete über Projekte zur Förderung von jungen Frauen im MINT Sektor und weiblichem Unternehmertum. Sowohl Dr Henryk ALFF (HnEE Eberswalde) als auch Kubatbek MUKTARBEK UULU (TU Bischkek) berichteten aus ihren Forschungsprojekten über die Chancen und Herausforderung der Einbindung von Praktikern in die Forschung. Alff untersucht zusammen mit Landwirten in Tadschikistan den Wandel von Landwirtschaft und die Nutzung landwirtschaftlichen Abfalls für die Energiegewinnung. Muktarbek uulu berichtete von einem laufenden Reallabor-Projekt in Bischkek, das über die SPCE Hub-Plattform in Kooperation mit der Friedrich Ebert Stiftung in Bischkek und der Hochschule Karlsruhe implementiert wird. Im Austausch mit Experten der Stadtverwaltung und einer Fahrrad-NGO werden geeignete und zugleich günstigere Optionen für die Erweiterung des bestehenden Radwegenetzes in Bischkek getestet.