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Foto: Michael Jordan
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Ein "fulminantes Buch" über gesellschaftliche Teilhabe und sowjetische Kulturpolitik – Katharina Schwinde erhält Klaus-Mehnert-Preis 2021

Mit dem jährlich verliehenen Klaus-Mehnert Preis möchte die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde einen Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses leisten. Für das Jahr 2021 geht der Preis an die Historikerin Katharina Schwinde, die mit ihrer Arbeit zur gesellschaftlichen Teilhabe innerhalb der sowjetischen Kulturpolitik der 1960er Jahre ein „fulminates Buch“ und eine „umsichtig interpretierende Auswertung“ vorgelegt hat, wie Prof. Jan Kusber in seiner Laudatio zu würdigen wusste.

Schwindes Arbeit mit dem Titel „‘Eine Sache, die uns alle angeht!‘ Gesellschaftliche Initiative und Partizipation im russischen Denkmalschutz und der Denkmalpflege in den 1960er Jahren“ befasst sich mit der Frage, wie gesellschaftliches Engagement innerhalb der vom sowjetischen Staat gesetzten Grenzen aussehen konnte. Ausgangspunkt dafür ist der russische Denkmalschutz der 1960er Jahre, den die Preisträgerin als Feld des Ineinandergreifens staatlicher und nichtstaatlicher Akteurinnen und Akteure auffasst und auslotet, welche Ansprüche und Wünsche auf Partizipation sich mit dem Engagement für den Denkmalschutz verbanden. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag dazu, das äußerst komplexe Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft in der poststalinistischen Sowjetunion nicht mehr unter Zuhilfenahme binärer Begriffsmodelle zu beschreiben.

Die prämierte Arbeit ist in zwei große Abschnitte aufgeteilt: Im ersten Teil der Arbeit beschreibt Die Autorin die Lebenswelt(en) sowjetischer Bürger*innen der ausgehenden 1950er und beginnenden 1960er Jahre, als sich im Rahmen der Wohnungsbaukampagnen, der ‚Reformen’ in der sowjetischen Landwirtschaft auf dem Dorf oder den ‚Kirchenreformen’ Proteste gegen den Abriss von Baudenkmälern regten und die Vorstellungen über ein Leben in der ‚sowjetischen Moderne’ in der russischen Gesellschaft breit diskutiert wurden. Der zweite Teil zeigt am Beispiel des orthodoxen Klosterensembles der Solovki im Weißen Meer, auf der sich zwischen 1923 und 1939 das erste sowjetische Zwangsarbeitslager (Gulag) befand, wie gesellschaftliche Teilhabe an der sowjetischen Kulturpolitik zwischen Entstalinisierung und den 1970er Jahren aussehen konnte und an welche Grenzen sie stieß. Schwinde erarbeitet hier detailliert, wie das private, aber umfassende Engagement eines lokalen Heimatkundlers die nationale Wiederentdeckung des ideologisch belasteten Kultur- und Naturerbes der Inseln bewirkte und 1967 zu beginnenden Restaurierungsarbeiten an der historischen Klosteranlage und zur Einrichtung eines Mehrspartenmuseums führte.

Auf diese Weise, so Jan Kusber, bricht die Autorin „mustergültig das Narrativ einer homogenen Sowjetgesellschaft auf“. So leistet sie einen wichtigen Beitrag dazu, unser Bild der russischen Gesellschaft in der Sowjetunion, insbesondere im „Sever“, zu bereichern und zu differenzieren.

Katharina Schwinde ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftung Ettersberg, die sich der vergleichenden Aufarbeitung europäischer Diktaturen, darunter auch der SED-Diktatur widmet. Ihre Arbeit ist in Jena unter der Betreuung von Jörg Ganzenmüller entstanden.

Zusammenfassung (PDF, 157 kB)